Integrales Taijiquan

Die Kampfkunst Taijiquan ist eine Kunst der Anpassung an die Absicht des Gegners und der Manipulation seiner Handlungen. Der Anwender strebt danach, die Angriffsrichtung und -kraft des Gegners zu dessen eigenem Nachteil auszunutzen. Hat der Anwender die gegnerische Angriffsabsicht erkannt, dann positioniert er sich so, dass er dem gegnerischen Angriff eng am Mann entgeht. Einerseits kann er dadurch die gegnerische Kraft so manipulieren, dass dieser aus dem Gleichgewicht oder zumindest in eine ungünstige Position gerät, andererseits kann er gleichzeitig mit der Ausweichbewegung oder unmittelbar danach einen Gegenangriff führen, der den Gegner in die Defensive drängt.

Dabei ist es ein strategisches Grundprinzip, dass der Anwender des Taijiquan sich in ergänzender Weise zu seinem Gegner verhält. Greift der Gegner auf der direkten Linie an, erfolgen Abwehr und Gegenangriff auf der indirekten Linie (um den Angriff herum) - greift er auf der indirekten Linie an, erfolgen Gegenangriff und Kontrolle auf der direkten Linie (in die Lücke des Angriffs hinein). An dem Ort und zu dem Zeitpunkt, an dem der Gegner die Kraft seines Angriffs entfaltet, ist eine Leere entstanden - an dem Ort und zu dem Zeitpunkt, an dem der Gegenangriff seine Wucht entfaltet, ist eine Leere in der Deckung des Gegners vorhanden.

Die Aktionen im Taijiquan gestalten sich also komplementär zum Input (Angriffskraft, -struktur und -absicht) des Angreifers. Die Kraft und die Intentionen des Angreifers werden nicht geblockt oder unterbrochen, sondern weiter- und umgeleitet. Es entsteht ein Zusammenspiel der Kräfte, eine Harmonie im Konflikt. In dieser Hinsicht ähnelt Taijiquan dem japanischen Aikido. Allerdings gibt es nicht wie im Aikido eine Beschränkung der Mittel, um zu vermeiden, dem Gegner ernsthaft zu schaden. Im Taijiquan wird stets dasjenige Mittel eingesetzt, das in der jeweiligen Situation unmittelbar die beste Erfolgsaussicht hat, die eigene Unversehrtheit zu bewahren.

Auf der taktischen Ebene werden die gegnerischen Angriffsmöglichkeiten sehr schlicht und generisch kategorisiert, so dass die grundlegende Auswahl der entsprechenden eigenen Positionierung und der passenden Gegenmaßnahme möglichst einfach und direkt erfolgen kann. Das Üben einzelner Reaktionen auf verschiedene Angriffe dient nicht primär dazu sich einzelne Techniken anzueignen. Vielmehr ist das hauptsächliche Ziel, die für die Abwehr einer bestimmten Angriffsart (verschiedene Handangriffe, Tritte, Clinch- und Nahdistanzangriffe etc.) notwendigen Winkel, Distanzen und die verschiedenen Arten des Timings zu erlernen, um schließlich den gegnerischen Input optimal ausnützen zu können.

Grundlegend für die erfolgreiche Anwendung der Kampfkunst Taijiquan sind vor allem zwei Dinge:

1. Die Bewegung im Taijiquan wird erst durch die innere Kraft neijin zum Leben erweckt und damit im Kampf effektiv. Da die Voraussetzung für die Manifestation von neijin eine völlige Übereinstimmung mit den Bewegungsprinzipien des Taijiquan ist, können alle Bewegungen, die mit der inneren Kraft "geladen" sind, zu effektiven Kampfbewegungen werden. Umgekehrt führt der Versuch Techniken aus der Form ohne neijin in Kampfsituationen zu übertragen, zu schematischen, "toten" Bewegungen. Diesen mangelt es an Durchschlagskraft, Flexibilität, Geschwindigkeit und Timing. Diese Sprung von der gewöhnlichen, "plumpen Kraft" zur inneren Kraft zu vollziehen, ist die wesentliche Lektion des Teils des Lernprozesses, der die Entwicklung der persönlichen physischen und psychischen Ressourcen in den Vordergrund stellt (zhijizhigong).

2. Die hauptsächliche Lektion aus der Arbeit mit dem Partner (zhibizhigong) ist die Manipulation der gegnerischen Kraft und der dahinter stehenden (aggressiven) Absicht des Gegners - dies unter ständigen Einsatz der inneren Kraft. Dabei ist in der Praxis der Punkt des Kontakts von besonderer Bedeutung. In der Übung des roushou/push hands wird dies besonders deutlich. Der Kontakt geschieht hier hauptsächlich über das Handgelenk bzw. die Handwurzel und den Unterarm bzw. den Ellbogen. Tatsächlich kann aber die Kraft des Gegners an jeder beliebigen Körperstelle manipuliert und die eigene innere Kraft darüber zur Wirkung gebracht werden. Entscheidend ist hierbei, die Kraft des Gegners am Kontaktpunkt einerseits an sich vorbei fließen zu lassen, damit sie einen selbst nicht beeinflussen kann, anderseits eng an ihr haften zu bleiben, um sie so weiter führen zu können, dass der Gegner das Gleichgewicht verliert.

 

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©2002-2007 Stefan Gätzner

Strategie und Taktik - Die Sicht auf den Kampf