Für eine einfache Analyse des Taijiquan als eine angewandte Kampfmethode kann man zwei Ebenen unterscheiden: Eine augenfällige „äußere“ taktische Ebene, bei der es um Positionierung, Winkel, Schrittarbeit und Schlag-, Tritt und Kontrolltechniken geht. Dem übergeordnet gibt es aber eine mit dem Auge schwer zu erfassende „innere“ strategische Ebene, in deren Mittelpunkt die Kontrolle und Manipulation der Strukturen der gegnerischen Kraftlinien steht.

Auf der strategischen Ebene strebt der Anwender danach, bei Kontakt die durch die Angriffskraft geschaffene innere Spannungsstruktur des Gegners für sich zu nutzen, um seine Schwerkraftlinie zu stören. Dadurch wird seine Körperspannung noch verstärkt, da er um die Kontrolle seines Gleichgewichts ringen muss. In diesem Moment ist er offen für Gegenangriffe. Diese Art der Manipulation ist für einen Außenstehenden schwer nachzuvollziehen, da die Kontrolle des gegnerischen Schwerpunkts weniger durch sichtbare Bewegung sondern durch die eigene, sich entspannt ausdehnende Körperstruktur ermöglicht wird. Diese Ebene ist deswegen „strategisch“, weil sie umfassend alle Aktionen des Anwenders durchzieht. Das heißt, unabhängig von der konkreten Positionierung, Angriffs- oder Verteidigungstechnik, gilt es, sofort mit dem ersten zielgerichteten Kontakt mit dem Gegner seine Kraftlinie und damit seinen Schwerpunkt zu kontrollieren.

Die Fertigkeiten auf dieser „inneren“ Ebene resultieren direkt aus den Übungen des roushou bzw. Push Hands. Die hauptsächliche Lektion daraus ist die Manipulation der gegnerischen Kraftlinien unter Einsatz der inneren Kraft neijin. Dabei ist in der Praxis der Punkt des Kontakts von besonderer Bedeutung. In der Übung des roushou/push hands wird dies besonders deutlich. Der Kontakt geschieht hier hauptsächlich über das Handgelenk bzw. die Handwurzel und den Unterarm bzw. den Ellbogen. Tatsächlich kann aber die Kraft des Gegners an jeder beliebigen Körperstelle manipuliert und die eigene innere Kraft darüber zur Wirkung gebracht werden. Entscheidend hierbei ist, die direkt gegen einen selbst gerichtete Angriffskraft des Gegners am Kontaktpunkt einerseits abzuleiten, damit sie einen selbst nicht beeinflussen kann. Anderseits gilt es, eng am Mann haften zu bleiben und damit die strukturelle Kraftlinie, die kurzzeitige partielle oder umfassende Körperspannung, auf der die gegnerische Angriffskraft aufbaut, zu erhalten und sogar zu verstärken. Diese Verstärkung der strukturellen Kraft des Gegners funktioniert deshalb, weil seine Angriffskraft am Kontaktpunkt nicht ansetzen kann, der Gegner keine Widerstands- bzw. Reaktionskraft als Rückmeldung bekommt, und damit seine (unbewusste) Antizipation unterlaufen wird. Die Angriffskraft wird quasi auf seinen eigenen Körper rückgekoppelt und verstärkt dann seine strukturelle Kraft. Dann kann man sich gleichsam in die strukturelle Kraftlinie des Gegners hineinschrauben und über die gegnerische Kraftlinie den gegnerischen Schwerpunkt und damit sein Gleichgewicht kontrollieren.

Von außen leicht nachvollziehbar hingegen ist taktische Ebene, die sich als Erstes in der Positionierung des Anwenders in Reaktion auf einen gegnerischen Angriff, z.B. einen Faustangriff, manifestiert. Ziel ist es, dem Anwender zu ermöglichen, die direkte Einwirkung der gegnerischen Angriffskraft zu vermeiden, gleichzeitig aber sie auch auszunutzen. Je nach Richtung und Verlauf des gegnerischen Angriffs versucht sich der Anwender so zu positionieren, dass er dem gegnerischen Angriff eng am Mann entgeht. Einerseits erhält er damit die Möglichkeit, die gegnerischen Kraftlinien so zu manipulieren, dass er Kontrolle über den Schwerpunkt des Gegners erhält, andererseits kann er gleichzeitig mit der Ausweichbewegung oder unmittelbar danach einen Gegenangriff führen, der den Gegner in die Defensive drängt. Mit dem Gegenangriff dringt der Anwender weiter in den Raum des Angreifers ein und erhält noch bessere Kontrolle über den Schwerpunkt des Gegners – gleich ob der Gegenangriff direkt sein Ziel trifft oder geblockt wird.

Hierbei gilt der taktische Ansatz, dass der Anwender des Taijiquan sich in ergänzender Weise zu seinem Gegner verhält. Greift der Gegner auf der direkten (geraden) Linie an, erfolgen die Ausweichbewegung mit Gegenangriff auf der indirekten Linie (um den Angriff herum bzw. in einem Winkel zur Angriffslinie) - greift er über eine indirekte (runde) Linie an, erfolgt der Gegenangriff auf der direkten Linie (in die Lücke des Angriffs hinein). An dem Ort und zu dem Zeitpunkt, an dem der Gegner die Kraft seines Angriffs entfaltet, ist eine Lücke entstanden - an dem Ort und zu dem Zeitpunkt, an dem der Gegenangriff seine Wucht entfaltet, ist eine Lücke in der Deckung des Gegners vorhanden.

Auf dieser „äußeren“ taktischen Ebene werden die gegnerischen Angriffsmöglichkeiten sehr schlicht und generisch kategorisiert, so dass die grundlegende Auswahl der entsprechenden eigenen Positionierung und der passenden Gegenmaßnahme möglichst einfach und direkt erfolgen kann. Das Üben einzelner Reaktionen auf verschiedene Angriffe dient dann auch nicht primär dazu sich einzelne Techniken anzueignen. Vielmehr ist das hauptsächliche Ziel, die für die Abwehr einer bestimmten Angriffsart (verschiedene Handangriffe, Tritte, Clinch- und Nahdistanzangriffe etc.) notwendigen Winkel, Distanzen und die verschiedenen Arten des Timings zu erlernen, um schließlich den gegnerischen Input optimal ausnützen zu können.

Grundlegend für die erfolgreiche Anwendung der Kampfkunst Taijiquan ist die Verbindung der strategischen mit der taktischen Ebene, also der Kontrolle der gegnerischen Kraftlinien und des Schwerpunkts mit der eigenen Positionierung und Angriffstechnik. Das Band, das beide Ebenen miteinander verbindet, ist die innere Kraft neijin. Erst durch neijin werden innere Kontrolle und äußere Bewegung zum Leben erweckt und damit im Kampf effektiv. Da die Voraussetzung für die Manifestation von neijin eine völlige Übereinstimmung mit den Bewegungsprinzipien des Taijiquan ist, können alle Bewegungen, die mit der inneren Kraft "geladen" sind, zu effektiven Kampfbewegungen werden. Umgekehrt führt der Versuch Techniken aus der Form ohne neijin in Kampfsituationen zu übertragen, zu schematischen, "toten" Bewegungen. Nur über neijin erreicht man die notwendige Kontrolle der gegnerischen Kraftlinien, eigene Durchschlagskraft und das richtige Timing.

 

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