Integrales Taijiquan

Als ich 1989 im Alter von 24 Jahren mit Taijiquan begann, hatte ich mich bereits etliche Jahre praktisch mit einigen asiatischen Kampfsportarten und -künsten beschäftigt. Ursprünglicher Ausgangspunkt für mein Interesse an Kampfkunst war der Aspekt der Selbstverteidigung. Hinzu kam der Wunsch, meine körperlichen und geistigen Entwicklungsmöglichkeiten zu erweitern.

Am Anfang stand 1980 eine koreanische Sportart, Taekwondo. Die Anforderungen in Bezug auf Beweglichkeit, Koordination und Schnellkraft machten es mir möglich - obwohl ich für die in Deutschland vorherrschenden Sportarten wie Fußball, Leichtathletik usw. recht wenig Talent und Interesse hatte - eine solide körperliche Grundlage aufzubauen.

Nach einigen Jahren intensiven und leidenschaftlichen Trainings musste ich mir jedoch allmählich eingestehen, dass die Ausrichtung des Taekwondo als Wettkampfsport nicht mit meinen persönlichen Entwicklungszielen und Ansprüchen an eine Kampfkunst in Einklang stehen konnte.

Mein Interesse galt einem System, das einerseits eine kontinuierliche persönliche Weiterentwicklung weit über die Zeit der höchsten körperlichen Leistungsfähigkeit hinaus erlaubt und andererseits realistisches Selbstverteidigungstraining bietet. Die Entwicklung zum (Hoch-)Leistungssport im Taekwondo erschien mir aber als das genaue Gegenteil: Das Regelwerk bedingt eine sich beschleunigende Spirale der Spezialisierung auf einseitige, körperlich verschleißende Trainingsweisen und Wettkampftechniken. Die Folgen davon konnte ich an meinem Lehrer sehen, dessen Knieschaden nur noch operativ behandelbar war. Nach fünf oder sechs Jahren konnte ich auch erste negative Auswirkungen an mir selbst zu spüren beginnen. Vor allem bei Gelenken wie Knie, Hüfte, Schulter und Ellbogen stellten sich Beschwerden ein.

Hinzu kam eine Tendenz zur Unterordnung individueller Interessen unter denen von Verbänden und Funktionären, die den sportlichen Wettkampf zum höchsten Maßstab erhoben hatten. Die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit ist in diesem Rahmen nur möglich, wenn man sich voll und ganz dem Erfolg im Wettkampf verschreibt und das ganze Training darauf ausrichtet. Ich empfand jedoch das Erringen eine Medaille nie als ausreichende Motivation, um einen mir unbekannten Menschen mit voller Wucht ins Gesicht zu treten. Zudem sah ich meine Perspektive nach dem 30. Lebensjahr lediglich darin, andere auf diese Art von Wettkampf vorzubereiten oder sich als Funktionär mit organisatorischen Fragen und Verbandsinteressen zu beschäftigen. Beides hielt ich für nicht besonders attraktiv.

In diesem Umfeld sah ich keine Möglichkeit mehr, meine eigenen Vorstellungen von Kampfkunst als den Menschen in seiner Gesamtentwicklung unterstützendes System umzusetzen. Auch hat die Spezialisierung auf den Wettkampf zwangsläufig die Aufgabe des Anspruchs auf die Funktion eines vollständigen Selbstverteidigungs- systems. Als ich dann auf Wing Tsun Kuen (Yongchun-quan) aufmerksam wurde, stieß ich erstmals auf eine  Kampfkunst, die auf der Anwendung von logisch miteinander verbundenen Konzepten und nicht auf einer Ansammlung von Einzeltechniken basiert. Die grundlegend einfach Struktur und kompromisslose Ausrichtung auf reale Kampfsituationen faszinierte mich, und ich wechselte Anfang 1988 zu diesem Stil.

Doch hatte ich nur relativ kurze Zeit die Gelegenheit, diese südchinesische Kampfkunst lernen. Im September 1989 führte mich mein Sinologiestudium nach Peking (Beijing). Mein Interesse an China, seiner Sprache und Kultur, war grundlegend durch die Beschäftigung mit den Kampfkünsten hervorgerufen worden.

Der Aufenthalt in China sollte drei Jahre dauern. Ich war nicht in der Erwartung nach China gekommen, dort eine authentische Form des Taijiquan - oder irgendeiner anderen Kampfkunst - erlernen zu können. Tatsächlich ist es nicht immer einfach an solche ursprüngliche Kampfkunstformen heranzukommen, denn es gab und gibt einfach nur eine äußerst beschränkte Anzahl von Lehrern. Hingegen kann man an fast jeder (Park-)Ecke irgendeine verflachte oder modernisierte Form des Wushu oder auch des Qigong erlernen.

Anfang Oktober 1989, etwas mehr als einen Monat nach dem ich in Peking angekommen war, sah mich mein zukünftiger Shifu Lu Zhiming, als ich alleine auf dem Unisportplatz übte.

Schließlich kam er zu mir herüber, als ich gerade bei einer Taijiquan-Übung, die ich in einer speziellen Klasse für Ausländer  an der Uni gelernt hatte. Er sprach mich an und sagte, was ich da mache sei kein echtes Taijiquan. Ich spürte, dass an diesem Mann etwas Besonderes war, blieb aber zunächst noch etwas reserviert, da ich meiner Einschätzung von Chinesen und diesem Gefühl in diesem Augenblick noch nicht so recht traute. Ich war zwar erst kurze Zeit in China, hatte aber bereits erlebt, dass Kommilitonen von ihren Beziehungen zu Chinesen enttäuscht waren.

Ich antwortete, dass mir bewusst wäre, dass dies kein richtiges Taijiquan wäre und fragte, ob er wüsste, wo man echtes Taijiquan erlernen könnte. Er sagte, er könnte es mir beibringen. Nach einigem Zögern, folgte ich meinem Gefühl und willigte ein.

Mein Lehrer führte mich durch ein rigoroses Grundlagentraining, dass nicht nur physisch und psychisch eine solide Basis legen sollte, sondern offensichtlich auch den Zweck verfolgte, meine Entschlossenheit auszutesten und meine inneren Untiefen zu erkunden. Fast drei Jahre später, im Juni 1992 erkannte ich zusammen mit einem anderen Schüler im Rahmen einer kleinen Zeremonie Lu Zhiming als meinen Shifu und er uns als seine tudi an. Einen Monat später kehrte ich nach Deutschland zurück. Danach war ich immer wieder in China, um meine Fortschritte zu überprüfen und Neues zu lernen. Seit Juni 2004 befinde ich mich wieder längerfristig in Beijing.

 

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©2002-2007 Stefan Gätzner

Mein Weg
zum Taijiquan


shifu
wörtlich: Lehrervater -
ein Lehrer in der chinesischen Tradition.
Die Beziehung eines Lehrers zu seinem Schüler wird zu einer Quasi-Familienbeziehung im konfuzianischen Sinn. Kurz umschrieben wird dies mit dem Satz: “Lehrer und Schüler sind wie Vater und Sohn”.


tudi
ein enger Schüler in der chinesischen Tradition, der in der Regel seinem Lehrer (shifu siehe oben) lebenslang folgt.
Er wird von seinem Lehrer nach einer Art Probezeit wie ein Sohn adoptiert.