Der Weg um die für das Taijiquan grundlegende Fertigkeit, die innere Kraft, zu erlangen beruht auf einer Übungssystematik, die von Ihrer Konzeption und Praxis her nichts Vergleichbares in westlichen Bewegungssystemen kennt. Dies liegt an den verschiedenen Auffassungen über den Zusammenhang von körperlichen und geistigen Prozessen, die jeweils in den daoistisch geprägten Kampfkünsten Chinas und in westlichen gymnastischen Systemen und Sportarten vorherrschen - verkürzt gesagt, liegt es an einem anderen Menschenbild.

Das westliche Menschenbild beschreibt den Körper als ein System biochemischer Prozesse, die Bewegung des Körpers ist dabei ein mechanisches Zusammenspiel von Hebelkräften. Mit Hilfe des Muskel-, Sehnenapparats kann Kraft auf die Umwelt bzw. eine andere Person übertragen werden. Die Hebelkräfte setzen zunächst am eigenen Knochenapparat an, um dann über dessen Bewegung auf die Umwelt einzuwirken.

Im Taijiquan und den anderen daoistischen Kampfkünsten Chinas wird der Körper als ein System energetischer Prozesse angesehen. Energie und Kraft entstehen im Zentrum des Körpers. Der ganze Körper ist dann das Medium, durch das die Kraft über die Extremitäten und an die Umwelt bzw. eine andere Person weitergeleitet wird. Im Taijiquan stellt der Körper ein Medium dar – vergleichbar mit dem Wasser des Meeres – das eine Kraftübertragung – analog zu der durch eine Welle übertragenen Kraft – möglich macht.

Das Erlernen dieser Art von Kraftübertragung erfolgt ebenfalls auf eine völlig eigenständige Weise. In westlichen Sportarten werden neue Bewegungsmuster im Allgemeinen in einem Wechselspiel von zunächst bewusster Nachahmung und Abgleich mit dem visualisierten Bewegungsablauf erlernt. Durch häufige Wiederholung dieses Vorgangs kann die Bewegung optimiert und schließlich unbewusst ausgeführt werden. Dies ist also ein Prozess, der vom Bewussten zum Unbewussten führt. Dagegen wird im Taijiquan nach einer ersten Nachahmungsphase mit Hilfe entsprechender Vorstellungen, die über die reine Mechanik der Bewegung hinausweisen, in einem bestimmten geistigen Zustand geübt. Diese Art des Übens mit Hilfe von gezielt eingesetzten Vorstellungen spricht mentale Ressourcen an, die auf einer tieferen Ebene, nämlich zwischen Bewusstem, Unterbewussten und Motorik, liegen. Diese tiefere Ebene lässt sich ansonsten nicht über eine direkte Ansteuerung der Bewegung oder eine Visualisierung der reinen Bewegung für sich allein erschließen.

Durch diese Vorstellungen schafft sich der Übende eine eigene mentale Umgebung und die Voraussetzung dafür, dass die Übungen eine Wirkung zeigen, die durch das Training der "nackten" Bewegung allein nicht möglich sind. Das einfachste Beispiel hierfür ist Vorstellung, im Wasser zu üben. Unter der Voraussetzung korrekter Haltung und Bewegung führt dies nach einem langen Prozess dazu, dass man die Empfindung entwickelt, das Wasser am ganzen Körper zu spüren und dieses durch die eigene Bewegung anzutreiben. Diese Empfindung ist keine Einbildung sondern das Anzeichen dafür, dass ein hoher Grad an Entspannung von Teilen des Muskelapparates während der Bewegung erreicht wird. Die so herbeigeführte Entspannung ist weitaus tiefer und durchdringender als es allein durch den bewussten Versuch, die Muskeln locker zu lassen, möglich wäre.

Doch das Arbeiten mit diesen Vorstellungen ist ungewohnt und will selbst erst erlernt werden. Dies geschieht beim Üben der fundamentalen Fertigkeiten des Taijiquan-Trainings, dem zhijizhigong. In diesem Teil des Trainings, lernt man in Soloübungen die eigenen mentalen und körperlichen Fähigkeiten neu kennen.

Am Anfang des zhijizhigong stehen die grundlegenden Fertigkeiten, das jibengong. Es besteht aus mehreren Soloübungen, die nacheinander erlernt werden und sich vom Schwierigkeitsgrad her steigern. Die wichtigsten dieser Übungen sind aber auf relativ einfachen Bewegungen (z.B. Armkreisen) aufgebaut, damit das neue fundamentale Bewegungsmuster möglichst direkt ohne zu großen koordinativen Ballast erfahren und eingeübt werden kann.

Die Übungen legen zudem eine solide Grundlage bezüglich wesentlicher Attribute wie Grundkraft, Dehnung, Beweglichkeit und Koordination, die für Taijiquan wie für jede andere Kampfkunst eine entscheidende Rolle spielen.

Eine weitere Bedeutung des jibengong liegt dann eben darin, das Arbeiten mit den oben erwähnten Vorstellungen zu erlernen. Dadurch wird der Übende allmählich in die Lage versetzt, mit Ihnen frei zu arbeiten und jede Einzelbewegung auf eine neue Koordinationsgrundlage zu stellen.

Damit ist die Basis für die "innere Arbeit", das neigong, gelegt. Diese wird durch zwei Übungsarten vertieft: das meditative Stehen, zhanzhuang, und die langsame Form, taolu, für die Taijiquan eigentlich bekannt ist.

Im zhanzhuang erlernt man zuallererst die für das Taijiquan notwendige Körperhaltung und Grundstruktur. Durch das Stehen mit vor dem Oberkörper zu einem Kreis angehobenen Armen wird in einer scheinbar statischen Übung ein dynamischer Zustand unterhalb der Ebene sichtbarer Bewegung erreicht. Um über längere Zeit in der gleichen Haltung stehen zu können, lernt der Körper sein Eigengewicht von den „peripheren“ Muskeln, wie z.B. der Schultermuskulatur auf die innere Rumpfmuskulatur und den Sehnen und Bänderapparat umzulasten und ein neues Gleichgewicht zu finden. Dadurch wird Druck von den Wirbeln und Gelenken genommen. Es werden damit die Voraussetzungen geschaffen, um Kraft innerhalb des Körpers ungehindert zu übertragen. Im Laufe der Zeit können subjektiv Änderungen im energetischen Zustand des Körpers, aber auch seiner unmittelbaren Umgebung, erspürt werden. Im Wechselspiel mit den anderen Übungen kann dann die grundlegende Fertigkeit des Taijiquan, die innere Kraft neijin, entwickelt werden.

Mit Hilfe der Form wird dann das Gefühl für die Entspannung, den veränderten energetischen Zustand und vor allem den Wandel der inneren Kraft vertieft und in verschiedensten Bewegungen manifestiert. Diese sehr komplexen Anforderungen bedingen es auch, dass die Form in gleichmäßiger langsamer Geschwindigkeit ausgeführt werden muss. Mit schnellen Bewegungen würde man zu anfangs wieder in alte Bewegungsmuster zurückfallen. Die einzelnen Bewegungen der Form sind aus konkreten Kampftechniken entwickelt worden. Dabei wurden verschiedene Techniken im Ablauf für die langsame Übungsweise abgewandelt, teilweise sind Techniken auch in abstrahierter, komprimierter oder auch überbetonter Weise in der Form enthalten. Dies muss bei einer späteren Anwendung der Bewegungen als Kampftechniken berücksichtigt werden, um sich nicht durch zu eng gefasste Interpretationen fehlleiten zu lassen.

Die Anwendung von Bewegungen aus der Form mit einem Partner führt zum zweiten großen Bereich der Taijiquan-Übungen, nämlich dem zhibizhigong. Hier gibt es wiederum zwei grundlegende Übungsweisen: zum einen das Training zur Entwicklung des Gefühls für die verschiedenen Kräfte, das roushou (häufiger auch tuishou – „schiebende Hände“ genannt), und die direkten Kampfanwendungen, das sanshou.

Im roushou halten beide Übungspartner über die Handgelenke und Unterarme Kontakt miteinander und versuchen vereinfacht gesagt, die Kraft des Partners zum einen am eigenen Körper zu neutralisieren und gleichzeitig im Körper des Partners durch dessen eigene Muskelspannung eine elastische Kraft zu erzeugen, die ausgenutzt werden kann um ihn wegzuschnellen oder vorbei zu schleudern. Durch diese spezielle Trainingsform ist es möglich, die ganze integrierte Körperkraft zu entfalten ohne den Partner zu gefährden. Hierbei entwickelt der Taijiquan-Praktizierende ein spezielles Bewegungsgefühl für die Arbeit im Kontakt mit dem Gegner.

Beim Sanshou schließlich werden einzelne Techniken, Kombinationen und Anwendungen auf Basis des in der Form und im Roushou entwickelten Bewegungsgefühls geübt. Ziel ist es dabei, aus den verschiedensten Arten von Angriffen die Gemeinsamkeiten zu entdecken und grundlegende Methoden der Abwehr und des Gegenangriffs zu erarbeiten. Von einigen wenigen grundlegenden Bewegungsmustern ausgehend wird dabei ein großes Maß an Flexibilität und Variation eingeübt, um im Stress des Ernstfalls gleichzeitig auf einfache Bewegungen zurückfallen zu können, aber gleichzeitig eine hohe Anpassungsfähigkeit an die verschiedensten Arten von Angriffen zur Verfügung zu haben.

Aus diesem Aufbau der Übungsmethodik ist bereits ersichtlich, dass es sich bei Taijiquan als Kampfkunst um ein komplexes System handelt, das sich vollständig nur unter hohem Übungs- und Zeitaufwand erlernen lässt. Es ist somit weniger geeignet, um sich schnell eine Selbstverteidigungsmethode anzueignen. Als Kampfkunst liegt beim Taijiquan tatsächlich die Betonung auf "Kunst". Eine Kunst, die – wenn man es überhöht ausdrücken möchte – auf einer Synchronisation von Innen und Außen, Körper und Geist, Angreifer und Verteidiger beruht. Gleichzeitig handelt es sich auch um ein meditatives System, das die Entspannung und psychischen Hygiene fördert. Dass sich daraus positive Auswirkungen auf Gesundheit und Vitalität ergeben, ist dann nur eine natürliche Folge.

 

 

[Mein Weg] [Ausgangspunkt] [Integration] [Lernprozess]


©2002-2010 Stefan Gätzner

Lernprozess


zhijizhigong
wörtlich: die Fertigkeit/ Bemühung, sich selbst zu kennen.
Nach konfuzianischer Ansicht steht Selbsterkenntnis und -erziehung stets vor der erfolgreichen Interaktion mit anderen Personen.


jibengong
wörtlich: grundlegende Fertigkeiten/Bemühungen.
in den traditionellen Künsten Chinas wie Kampfkünste, Kalligraphie, Malerei usw. wird extremer Wert auf die absolute Beherrschung der fundamentalen Fertigkeiten gelegt.


neigong
wörtlich: innere Bemühung/Fertigkeit.
Im Mittelpunkt des neigong steht die Integration von Bewusstsein, körperlicher Haltung und energetischen Prozessen.


zhanzhuang
wörtlich: stehen wie ein Pfahl - grundlegende Haltungs- und Meditationsübung in den chinesischen Kampfkünsten und im Qigong.


taolu
wörtlich: umfassender Weg - ein fester Ablauf von Bewegungen/Techniken in den Kampfkünsten.


zhibizhigong
wörtlich: die Fertigkeit/ Bemühung den Gegner zu kennen.
Nach der Selbsterkenntnis folgt die Erforschung des Gegners und Aneignung der Voraussetzungen, Auseinandersetzungen zu überstehen.


roushou
wörtlich: knetende Hände - besser bekannt als tuishou oder push hands - kontrollierte Kontaktübung zur Entwicklung des Gefühls für Manipulation von Struktur und Kraft des Gegners sowie für Timing.


sanshou
wörtlich: Hände verstreuen - verschiedene Partnerübungen von Einzeltechniken über Drills bis hin zu Sparringsformen
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