Die Ansammlung und das Pulsieren der inneren Energie neiqi ist nicht nur für gesundheitliche Wirkungen entscheidend, sondern bildet auch die Grundlage für die innere Kraft neijin, genau wie es in einem klassischen Taijiquan Text, der Wu Yuxiang zugeschrieben wird, heißt: "Das Qi ist die (Signal-)Flagge", die anzeigt, dass die richtige Körperhaltung und das energetische Zentrum gefunden sind und die damit den Weg zur inneren Kraft weist. Entscheidend hierbei ist, dass die Energie vom Körperzentrum ausgehend bis in die Finger- und Zehenspitzen ausbreitet und nicht nur in einzelnen Körperteilen gespürt wird. Dies deutet nämlich darauf hin, dass die Muskulatur soweit entspannt und die Gelenke soweit "geöffnet" sind, dass die innere Kraft auf ihrem Übertragungsweg auf keine Blockaden mehr trifft, sondern sich ähnlich wie eine Welle im offenen Meer immer weiter bewegen kann.

Die innere Kraft tritt in den Partnerübungen und Kampfanwendungen in verschiedenen Ausdrucksformen auf - als Schlagkraft, manipulative Abwehrkraft, Antrieb für die Körperbewegungen und Schrittarbeit etc. Sie hervorzubringen und in allen möglichen Lagen zu beherrschen, stellt den Beleg dar, dass die körperliche und geistige Integration grundlegend gelungen und nicht bloß ein Wunschgedanke ist. Die innere Kraft und die Effektivität in der Kampfkunst sind die Manifestation des inneren und äußeren Wandels, der durch den meditativen Aspekt hervorgebracht wird. Da die innere Kraft die Arbeit mit der inneren Energie zur Voraussetzung hat, ist sie gleichzeitig eine Vertiefung des gesundheitlichen Aspekts.

Die eigentliche Bedeutung des Kampfkunstaspekts liegt meiner Meinung nach auch nur sekundär in der Selbstverteidigung. Denn dafür ist die Methodik des Taijiquan im Vergleich zu anderen Kampfkünsten einfach zu zeitaufwendig - wenn sie auch sehr effektiv ist. Sie liegt darin, dass das vollständige Verständnis und die Beherrschung eines einmaligen Systems zur Integration von Körper und Geist vollständig erhalten bleiben und von Generation zu Generation weiter gegeben werden können.

Es besteht also im Taijiquan eine fundamentale Übereinstimmung zwischen Kampfkunst, Gesundheitsmethode und Meditation. Taijiquan als Kampfkunst verlangt eine hohe Übungsintensität und zwingt einen schlicht den meditativen und gesundheitlichen Aspekt vollständig zu verstehen und zu verinnerlichen, da einem sonst die Grundlage für Effektivität im Kampf, nämlich die innere Kraft, verschlossen bleibt. Dadurch wird ein Missverständnis oder Verflachen der anderen beiden Aspekte verhindert.

Denn durch die in den letzten Jahrzehnten weit verbreitete Betonung allein der gesundheitlichen Wirkungen besteht diese Gefahr akut. Taijiquan droht zu einer langsamen Gymnastik mit geringer Intensität und ohne tiefere psychische und physiologische Wirkung zu werden.

 

 

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©2002-2010 Stefan Gätzner

Kampfkunst - Fundamentaler Aspekt


Qi
wörtlich: Dampf, Gas, Atem.
Im Qigong wird mit dem Begriff qi die Lebensenergie oder innere Energie  - genauer neiqi - bezeichnet.