Im Taijiquan ist das Verständnis der konzeptionellen Fundamente und Zusammenhänge entscheidend. Jede Ausführung von Einzelbewegungen und jede Interpretation der verschiedenen Begriffe des Taijiquan basieren hierauf und bleiben andernfalls nur isoliertes Stückwerk. Beispielsweise stellen die häufig diskutieren "acht Kräfte" (oder Energien) lediglich verschiedene Ausdrucksformen der gleichen inneren Kraft neijin dar. Das Verständnis von den acht Kräften (tatsächlich gibt es noch zahlreiche weitere Unterscheidungen) als unabhängige technische und konzeptionelle Einheiten verfehlt den gemeinsamen Kern. Noch problematischer wird es, wenn die acht Kräfte als einzelne Bewegungen oder Positionen aus der Form aufgefasst werden. Dies führt unvermeidlich zu einem "toten" Taijiquan.

Zu Verwirrung können auch Übersetzungen wie "weich" und "nachgeben" beitragen. Diese Begriffe haben sich in der westlichen Taijiquan-Literatur in gewisser Weise als Konzepte verselbständigt. Teilweise dienen sie auch als Argument für eine enge Verbindung des Taijiquan zu daoistischem Gedankengut, das sie Weichheit des Wassers als ein Ideal beschreibt. Dies soll das Taijiquan philosophisch untermauern oder gar als praktische Manifestation einer Weltanschauung überhöhen. Über die Oberflächlichkeit dieser Assoziationen mag man geteilter Meinung sein - in jedem Fall trägt die undifferenzierte Verwendung dieser und anderer Begriffe zu einem verzerrten Verständnis von Taijiquan als Kampfkunst und Gesundheitsmethode bei. Denn solche unscharfen Übersetzungen transportieren in unserer Kultur teilweise andere Assoziationen als in China.

Wenn in dem theoretischen Grundlagenwerk des Taijiquan, Taijiquanlun – „Abhandlung über das Taijiquan“ von Wang Zongyue, in den ersten Zeilen davon die Rede ist, dass man rou – „geschmeidig“ sein soll (im Gegensatz zum „unbeugsamen“ Gegner), findet man in der westlichen Taiji-Literatur häufig die Übersetzung „weich“. Wenn Wang Zongyue an der gleichen Stelle von shun – „der gleichen Richtung folgend“ (als Gegensatz zum „sich entgegenstellenden“ Gegner) spricht, steht heutzutage im Tajiquan häufig der Begriff „nachgeben“ im Vordergrund.

Die Betonung darauf "weich" zu sein, führt leicht zu einem bewussten oder unbewussten Streben nach Kraftlosigkeit und Laschheit. Die äußeren Bewegungen im Taijiquan sind nicht weich und kraftlos, sie sind geschmeidig und entspannt. Im Inneren herrscht dagegen eine elastische Spannung, die erst durch den Abbau der äußeren Verspanntheit nach und nach freigelegt wird. Diese Überbetonung der Weichheit - oft gepaart mit einem fehlenden Verständnis für die korrekte integrierte Körperstruktur – resultiert schließlich in Fehlhaltungen, die die Gelenke unnötig belasten können. Dadurch werden die gesundheitlichen Effekte des Taijiquan reduziert oder gar vollständig konterkariert.

Ein falsches Verständnis des Begriffs "nachgeben" verleitet dazu, sich vor dem gegnerischen Angriff zurückzuziehen oder nach hinten auszuweichen. Das aber bedeutet, dem Gegner die Initiative zu überlassen, ja sich ihm früher oder später direkt auszuliefern. Tatsächlich lautet ein berühmter mündlich überlieferter Satz von Yang Chengfu, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals Taijiquan einer breiteren Öffentlichkeit vermittelte: "Nicht einmal einen Zoll darf man zurückweichen". Letztendlich bedeutet "nachgeben" im Kontext des Taijiquan, wie bei Strategie und Taktik geschildert, sich nicht der Angriffskraft des Gegners entgegen zu stellen, sondern sie so abzuleiten (was von außen oft nicht wie ein Ableiten sondern eher wie ein „Auflaufenlassen“ des Gegners aussieht), dass der Gegner kontrolliert werden kann.

Verstärkt werden diese problematische Interpretationen durch den Umstand, dass Taijiquan von den meisten Übenden nicht mehr als Kampfkunst betrieben wird. Daher fehlen Kampfübungen mit einem unkooperativen Partner, die zu Effizienz und Dynamik und zu einem vertieften Verständnis für Entspannung in der Bewegung und unter Stress führen. Umso leichter ist es dann, ohne dieses Korrektiv in Missverständnisse zu verfallen. Allein der Stress beim Versuch, mit nicht abgesprochenen Angriffen eines Trainingspartners fertig zu werden, die mit einer realistischen Dosis Aggression, aber noch kontrolliert vorgetragen werden, sollte eigentlich jedem deutlich machen, dass es unmöglich ist, eine echte Bedrohung „weich“ aufnehmen und kontrollieren zu können. „Nachgeben“ im Rückwärtsgang würde auch nur zum endgültigen Verlust der Kontrolle über die Situation führen.

Dagegen kann nach meiner persönlichen Erfahrung gerade ein plötzlicher Adrenalinausstoß in einer als bedrohlich empfundenen Situation zu einer höheren Aktionsbereitschaft der inneren Muskulatur im Bauch- und Beckenraum führen. In dem Moment, da der Stress einsetzt, kommt es zu einem Gefühl des „Sinkens“, das üblicherweise zu weichen Knien führt. Hat man aber gelernt, die „innere“ Muskulatur zu aktivieren, bewirkt der Adrenalinsausstoß eine höhere Vorspannung im Körperzentrum. Die innere Muskulatur übernimmt praktisch automatisch die Antriebsfunktion aller Bewegungen des Körpers und integriert sie. Sämtliche folgenden Aktionen gewinnen an Effizienz: Sie sind satt verwurzelt, dynamisch, kraftvoll, ja katzenartig – kurz sie sind „geschmeidig“.

Selbst wenn das Interesse eines Übenden sich auf die gesundheitlichen Vorteile des Taijiquan und seine Entspannungsmethoden beschränkt, ist es dennoch sinnvoll, sich von den Anforderungen des Taijiquan als Kampfkunst leiten zu lassen. Denn dann sind die Voraussetzungen umso besser, um sich mithilfe von Übungen, die zu einer integrierten Körperhaltung führen, eine gelenkschonende Haltung und wirklich tiefe Entspannung zu erarbeiten.

 

 

 

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