Integrales Taijiquan

Im Taijiquan ist das Verständnis und Beherrschen der konzeptionellen Fundamente und Zusammenhänge entscheidend. Jede Ausführung von Einzelbewegungen und jede Interpretation der verschiedenen Begriffe des Taijiquan basieren hierauf und bleiben andernfalls nur isoliertes Stückwerk. Beispielsweise stellen die häufig diskutieren "acht Kräfte" (oder Energien) lediglich verschiedene Ausdrucksformen der gleichen inneren Kraft neijin dar. Das Verständnis von den acht Kräften (tatsächlich gibt es noch zahlreiche weitere Unterscheidungen) als unabhängige technische und konzeptionelle Einheiten verfehlt den ursprünglichen Sinn. Noch schlimmer wirkt es sich aus, wenn die acht Kräfte als einzelne Bewegungen oder Positionen aus der Form aufgefasst werden. Dies führt unvermeidlich zu einem "toten" Taijiquan.

Bewusst vorsichtig sollte man auch mit Begriffen wie "weich" und "nachgeben" umgehen. Diese Begriffe werden häufig in der westlichen Taijiquan-Literatur verwendet und sollen zumeist die Nähe der Konzeption des Taijiquan zu daoistischem Gedankengut darstellen. Über die Oberflächlichkeit dieser Assoziation mag man geteilter Meinung sein - in jedem Fall trägt die undifferenzierte Verwendung dieser und anderer Begriffe zu einem verzerrten Verständnis von Taijiquan als Kampfkunst und Gesundheitsmethode bei. Denn solche wörtlich übersetzten Begriffe transportieren in unserer Kultur teilweise andere Assoziationen als in China.

So ist der Begriff "nachgeben" nicht in dem Sinn von "zurückweichen" oder "sich zurückziehen" zu verstehen, wie es dem westlichen Denken nahe liegt. Denn dies würde bedeuten dem Gegner die Initiative zu geben, ja sich ihm früher oder später direkt auszuliefern. Tatsächlich lautet ein berühmter Satz von Yang Chengfu, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals Taijiquan einer breiteren Öffentlichkeit vermittelte: "Nicht einen Zoll darf man zurückweichen". Letztendlich bedeutet "nachgeben" im Kontext des Taijiquan, wie bei Strategie und Taktik geschildert, sich nicht der Kraft des Gegners entgegen zu stellen, sondern sie an sich vorbei zu führen, so dass sie abgeleitet wird und der Gegner gleichzeitig kontrolliert wird.

Die Betonung darauf "weich" zu sein, führt leicht zu einem bewussten oder unbewussten Streben nach Kraftlosigkeit und Laschheit. Die Bewegungen im Taijiquan sind nicht weich und kraftlos, sie sind geschmeidig und entspannt. Verstärkt werden derartige Fehlinterpretation durch den Umstand, dass Taijiquan von den meisten Übenden nicht mehr als Kampfkunst betrieben wird. Daher fehlen Kampfübungen mit einem unkooperativen Partner, die zu Effizienz und Dynamik und zu einem vertieften Verständnis für Entspannung in der Bewegung führen. Um so leichter ist es dann, ohne dieses Korrektiv in Missverständnisse zu verfallen.

Dieser Fehler führt - oft gepaart mit einem fehlenden Verständnis der Integration der körperlichen Strukturen - leicht zu Fehlhaltungen, die die Gelenke unnötig belasten. Dadurch werden die gesundheitlichen Effekte des Taijiquan reduziert oder gar vollständig konterkariert. So ist es eine Tatsache, die gerne von Taijiquan-Lehrern aus Image- bzw. kommerziellen Gründen unter den Teppich gekehrt wird, dass zahlreiche Taijiquan-Übende Schäden an den Kniegelenken erleiden. Denn das unbedingte Streben nach "Weichheit", ohne dass die unabdingbare Voraussetzung für eine umfassende Entspannung vorhanden ist, nämlich die grundlegende Bewegung aus dem Hüft- und Beckenbereich heraus, führt leicht zu einer Fehlbelastung des Unterkörpers und dabei besonders der Knie.

 Auch wenn das Interesse eines Übenden sich auf die gesundheitlichen Vorteile und Entspannung beschränkt,  ist es dennoch notwendig, dass er geleitet von einem Verständnis für die Anforderungen der Kampfkunst mit Hilfe von Übungen zur Integration der Körperhaltung und Freisetzung des Energieflusses sich eine gelenkschonende Haltung und tiefe Entspannung aneignet.

 

 

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©2002-2007 Stefan Gätzner

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Möglichkeiten der (Fehl-)Interpretation